Eine ganze Stadt für die Kunst

Wir lassen nie vom Entdecken ab
Und am Ende allen Entdeckens
Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück
Und erfassen diesen Ort zum ersten Mal.
T. S. Eliot

Die Geschichte beginnt mit einem Kurfürsten

Jan Frans van Douven, Reiterbildnis Jan Wellems, 1703

Und dessen Verschwendungssucht. Und einem einmaligen Glücksfall. Man muss schon ziemlich weit ausholen, um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass Düsseldorf eine Kunststadt geworden ist. Gehen wir also zurück ins 17. Jahrhundert. Johann Wilhelm II. Kurfürst von Pfalz-Neuburg soll eigentlich in Heidelberg residieren, weil die Stadt aber aufgrund des Pfälzischen Erbfolgekrieges zerstört ist, zieht er ins Schloss Düsseldorf – von dem heute übrigens nur noch der Turm steht. Jan Wellem, wie ihn das Volk nennt, liebt nicht nur Anna Maria Luisa, die aus der Dynastie der Medicis stammt, sondern auch die Künste. Er fördert Maler und Bildhauer, lässt die Oper bauen, gründet eine Zeichenschule und geht in seiner Leidenschaft für das Sammeln auf. Vor allem die italienische, flämische und niederländische Renaissance- und Barockmalerei haben es ihm angetan. Darunter etliche Werke von Peter Paul Rubens. Als Jan Wellem 1716 stirbt, hinterlässt er seiner Residenzstadt nicht nur immense Schulden, sondern mit der „Gemäldegalerie Düsseldorf“ eine weltberühmte Sammlung, die Düsseldorf zu einem der Zentren des europäischen Barocks macht. Mehr als 1.000 Exponate umfasst die Kollektion, ganze 40 davon sind heute noch im Besitz der Stadt. Und es ist kein Geheimnis, dass es so manchen Kulturverantwortlichen in Düsseldorf wurmt, im Kernbestand der Münchner Alten Pinakothek viele wichtige Rubens-Werke zu wissen, die Jan Wellem einst eifrig zusammengetragen hatte. Die Geschichte der Kunststadt geht trotzdem weiter …

Einer von 4.000, die ausziehen

Andreas Achenbach, Akademie, M 4146

… und zwar mit einem, der nicht ganz so bekannt geworden ist wie Jan Wellem. Der Schotte James McDougal Hart macht sich 1851 auf den Weg nach Düsseldorf. So wie zu jener Zeit zahlreiche andere Künstler. Sie brechen aus Skandinavien, Russland und sogar Iran, Chile oder Neuseeland auf, um an der Düsseldorfer Kunstakademie zu studieren. Hart hat davon gehört, dass die Malweise der Schule im Rheinland stilbildend sei, führend besonders in der Genre- und Landschaftsmalerei. Und das Kunstleben dort scheint ihm so viel reicher und lebendiger als in seiner Heimat. Er weiß, dass 1829 der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen gegründet wurde; von der ersten Galerienstraße des Rheinlandes auf der Ratinger Straße kann er sich freilich erst vor Ort den richtigen Eindruck machen. Wichtig für ihn als Künstler ist außerdem der rege Kunstmarkt – die Nachfrage nach Werken der Düsseldorfer Malerschule ist groß. So macht er sich also auf, um seine Talente in der Landschaftsklasse Johann Wilhelm Schirmers zu verfeinern. Drei Jahre studiert Hart am Rhein, dann zieht es ihn nach New York, wo heute eine Auswahl seiner Werke – unter anderem das Gemälde „Godesberg“ – im berühmten Metropolitan Museum of Art hängt.

Rund 4.000 Künstler gehören zwischen 1819 und 1918 der Düsseldorfer Malerschule an. Viele von ihnen nehmen das Gelernte mit in ihre Heimat, viele geben Anstoß zur Gründung neuer Kunstschulen. Auch innerhalb Deutschlands sorgen Malerschüler mit dem Wechsel an andere Institutionen für die Verbreitung von Ideen, Sichtweisen und Stilistik. So gehen von Düsseldorf wichtige Impulse aus für die Entwicklung der Malerei des 19. Jahrhunderts – und es wird der Grundstein dafür gelegt, dass der Kunststandort auch im 20. Jahrhundert eine entscheidende Rolle spielen würde.

Viele, die anders denken

Paul Klee: Kamel in rhythmischer Baumlandschaft, 1920, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf

Nach dem Ersten Weltkrieg sorgt die Avantgarde in den 1920er-Jahren auch in Düsseldorf für ein blühendes Kunstleben – das nicht lange währt: Mit der Entlassung von Akademie-Professoren wie Paul Klee und Ewald Mataré setzen die Nationalsozialisten freigeistiger Energie ein Ende. Künstlerisches Mittelmaß und ideologische Anbiederung halten Einzug für zwölf lange Jahre.

Ob der erzwungene Rückschritt ein Grund dafür ist, dass die Künstler der Akademie nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Art Befreiungsschlag ausholen? Nur einige Beispiele von vielen für das, was in Düsseldorf passiert: Gerhard Richter und Sigmar Polke formulieren Anfang der 1960er-Jahre den „Kapitalistischen Realismus“ und organisieren Ausstellungen und Performances in Möbelhäusern und Ladenlokalen der Stadt. Mit seiner „Young Penis Symphony“ fordert Nam June Paik Männer dazu auf, ihr Geschlecht durch die Papierlöcher eines Transparents zu stecken (es blieben die Finger) – damit hält Fluxus 1963 Einzug in die Aula der Akademie. Düsseldorf wird in diesem Jahrzehnt zu der Stadt künstlerisch forcierter Utopien. Die ZERO-Bewegung etwa orientiert sich an der Technik, glaubt an den Fortschritt und will das Materielle überwinden; auch die Fernsehgalerie von Gerry Schum ist vom Glauben an die Zukunft motiviert. Es ist vor allem Joseph Beuys, der die Entwicklung gesellschaftlicher Utopien anstößt – durch sein Konzept der „sozialen Plastik“, durch sein Konzept der Lehre. Als er 1972 fordert, jedem Menschen freien Zugang zur Akademie zu gewähren, sorgt er erstens für völliges Unverständnis beim damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau, zweitens für seine Entlassung als Professor.

Im Rausch der Kunst

Schmelahaus, Foto: Achim Kukulies, © Kunstsammlung NRW

Auch die Szene der Galerien und Museen ist von der Tatkraft der Düsseldorfer Künstler ergriffen. So findet in der neu gegründeten Galerie 22 die Uraufführung von „Music Walk“ des Improvisationsmusikers John Cage statt; Galerist Alfred Schmela lässt in der Mutter-Ey-Straße das erste Gebäude in Deutschland bauen, das ausschließlich als Galerie genutzt wird; der Maler und Galerist Konrad Fischer präsentiert Ende der 1960er-Jahre Künstler der Minimal Art und der Konzeptkunst, lange bevor die Strömungen in Europa überhaupt bekannt werden.

Die Kunsthäuser der Stadt stehen dem nicht nach, sie holen die Avantgarde an den Rhein: Der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen organisiert 1958 gemeinsam mit Hannah Höch, Max Ernst und Man Ray eine einzigartige DADA-Ausstellung und gibt damit entscheidende Impulse; die Kunsthalle Düsseldorf, 1967 fertiggestellt, startet mit „Prospect“ eine Kunstmesse, die die Arbeit von Avantgarde-Galerien präsentiert; und Werner Schmalenbach, Gründungsdirektor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, etabliert während seiner Amtszeit von 1962 bis 1990 die einzige auf moderne Kunst spezialisierte Landessammlung in Deutschland.

Alles eine Frage der Energie

Steiner & Lenzlinger-Foyer, Foto: Julia Reschucha Medienzentrum Rheinland

Dynamisch geht es auch in den 1980er- und 1990er-Jahren zu: 1984 kuratiert der Kunstprofessor Kasper König die Ausstellung „Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf“. Die Werke von 64 Künstlern der Gegenwart werden nicht im Museum gezeigt, sondern in Halle 13 der Messe Düsseldorf. Die lässt König wie eine Stadt ausbauen, mit unterschiedlich hohen Häusern und Häuserkomplexen, mit schräg verlaufenden Gassen, Nischen und Passagen, Tempelchen und Ruheräumen. Jürgen Harten, der spätere Gründungsdirektor des Düsseldorfer Museum Kunstpalast, zeigt 1982 in der Kunsthalle Düsseldorf Jörg Immendorffs berühmtes „Café Deutschland Adlerhälfte“ sowie weitere international beachtete Ausstellungen von Künstlern wie Gerhard Richter (1986), Donald Judd (1987) Ulay und Marina Abramovic (1990), Nancy und Edward Kienholz (1996). Und das Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher begründet mit seiner Sachlichkeit die renommierte Düsseldorfer Fotoschule, die auch heute noch als Synonym für die deutsche Fotografie gilt. Candida Höfer, Thomas Ruff, Thomas Struth und Andreas Gursky gehen aus der Becher-Klasse hervor.

Mit Neueröffnungen und -gründungen wie Museum Kunstpalast und NRW-Forum Düsseldorf (1998), Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen – K21 im Ständehaus (2002) sowie KIT – Kunst im Tunnel (2007) hat sich die Museums- und Ausstellungslandschaft in den vergangenen 15 Jahren immens erweitert. Düsseldorf bietet im Bereich der Bildenden Kunst derzeit eine Vielzahl hochkarätiger Museen und Ausstellungshäuser, eine breite Off-Szene, zahlreiche Stiftungen und Forschungsprojekte sowie um die 100 Galerien. Und nach wie vor zieht die besondere Energie Kunstschaffende, -experten sowie -interessierte an den Rhein. So wie Julia Stoschek. Ihre Sammlung im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel zählt zu den international bedeutenden Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst mit Fokus auf Arbeiten und mediale Installationen aus Video, Film und Sound. Und die Kunstakademie hat nicht nur den Ruf, eine der freiheitlichsten Kunsthochschulen weltweit zu sein – sie versammelt auch eine Professorenschaft, deren Internationalität und Renommee unvergleichlich sind. Unter der Leitung von Rita McBride lehren hier derzeit unter anderem Richard Deacon, Peter Doig, Katharina Fritsch, Andreas Gursky und Rosemarie Trockel.

Eine Idee … viele Akteure

Grabbeplatz Düsseldorf zur Quadriennale 2015. Foto: Katja Illner

Ist es möglich, dieser Vielfalt noch mehr Glanz zu verleihen? Die Stärken der Museen und Kunsthäuser und ihrer Bestände weiter auszuspielen? Den Kunstreichtum zu bündeln? Genau dies passiert 2006 zum ersten Mal: Mit einem Festival, das sich Quadriennale Düsseldorf nennt. Alle vier Jahre, von 2006 bis 2014 zeigen die wichtigsten Museen und Ausstellungshäuser sowie die Kunstakademie vier Monate lang, was sie antreibt, was sie bewegt – und zwar zu einem Leitthema, auf das sich alle Direktorinnen und Direktoren geeinigt haben. Ein Thema, das jedes Haus mit seinem speziellen programmatischen Ansatz gestaltet und dem Besucher die einzigartige Möglichkeit eröffnet, die Facetten eines Themas an unterschiedlichen Orten der Stadt zu erleben.

Bei der ersten Quadriennale Düsseldorf 2006 steht das Thema „Der Körper in der Kunst“ im Mittelpunkt. Werkschauen und Installationen zeigen unter anderem Arbeiten von Künstlern wie Bruce Nauman, Francis Bacon und Caravaggio. 2010 folgt die zweite Ausgabe: „Kunstgegenwärtig – Erinnerungen an die Gegenwart“. Im Zentrum der Ausstellungen und Aktionen steht die Frage nach dem Einfluss von Düsseldorfer Künstlerinnen und Künstlern auf die internationale Kunstszene. 2014 werden unter dem Leitthema „Über das Morgen hinaus“ Vorstellungen von Zukunft in Kunst, Wissenschaft und Technik verhandelt.

Die dritte Ausgabe des Festivals ist gleichzeitig die letzte. Ein neues Kapitel in der Geschichte der Kunststadt Düsseldorf wird aufgeschlagen. Zukünftig wird der Fokus mehr auf die freie Szene gerichtet und der zeitgenössische Diskurs gestärkt.

Die Kunststadt Düsseldorf geht auf eine neue Entdeckungsreise!


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