Erik Kessels & Friends - Das perfekte Unperfekte

14. August 2017

Erik Kessels & Friends © NRW-Forum Düsseldorf / Foto: B. Babic

Alain Bieber – künstlerischer Direktor des NRW-Forums – ist schon lange ein Fan von Erik Kessels. Dieser kreative Kopf ist nicht nur Künstler, Publizist, Kurator und Sammler, sondern auch Mitbegründer der Agentur KesselsKramer in Amsterdam und ein Star unter den Werbern. So lag es für Alain Bieber auch nahe, das neue Logo des NRW-Forums von Kessels designen zu lassen. Damit sollte die Zusammenarbeit allerdings noch nicht enden und so begannen sie, die deutschlandweit erste umfassende Retrospektive des Niederländers zu planen.

Kessels empfindet die Amateurfotografie als frei und ungebunden. In Zeiten, in denen sich der Konsum von Bildern stark verändert hat, hält er die Zeit an und entschleunigt. „Wir sehen vor dem Mittagessen oft schon mehr Fotos als Menschen im 19. Jahrhundert in ihrem ganzen Leben.“, kommentiert er die neuen Möglichkeiten die jeder Smartphone-Besitzer heutzutage hat. Jeder kann seine Bilder veröffentlichen, doch meistens sind es die möglichst gut getroffenen Fotos, die wir der Außenwelt präsentieren wollen und nicht die fehlerhaften, verschwommenen Bilder, die wir aufgenommen haben oder die von uns aufgenommen wurden. Auf diese jedoch fokussiert sich die neue Ausstellung im NRW-Forum.

Zu sehen sind die Exponate mit Kessels Vorliebe für das Unperfekte und Unvollendete nun in den beiden Hauptflügeln des Forums. Und diese unperfekten, unvollendeten „Werke“ findet er überall: auf Flohmärkten, im Internet, zu Hause… es gibt eigentlich keine Grenzen. Was aber verbindet ihn mit diesen Funden, was verbindet den Besucher der Ausstellung mit Amateurfotos fremder Menschen? Es sind die Geschichten, die hinter den Bildern stecken. Die Geschichten, die uns einen fremden Menschen näherbringen und diesen greifbar machen. Geschichten, die irgendwo abreißen, vergangen oder immer noch im Gange sind. Geschichten, die uns zum Lachen bringen oder auch traurig stimmen.

Diese Geschichten macht Erik Kessels ausfindig – soweit es ihm möglich ist. Er geht detektivisch vor, um herauszufinden, was es mit seinen Funden auf sich hat. Das kann sich einfacher oder auch schwieriger gestalten. Letztendlich aber bringt es die Besucher ganz nah an diese fremden Menschen heran. Sei es die Fotoreihe von zwei Schwestern, die immer zusammen fotografiert wurden aber am Ende nur noch eine der beiden zu sehen ist, so platziert auf dem Bild, als hielte sie weiterhin den Platz an ihrer Seite für die andere Schwester frei. Sie scheinen ein Sinnbild zu sein für Geschwister und Menschen, die sich nahestanden, aber durch den Krieg getrennt wurden. Sei es die Frau, die im Jahr 1936 im Alter von 16 begann, jedes Jahr auf der Kirmes ein Bild am Fotostand von sich – im wahrsten Sinne des Wortes – zu schießen. Sie ist heute 97 Jahre alt und startetet mit diesen Fotos die vielleicht längste und erste „Selfie Reihe“ überhaupt. Oder sei es dir „Diashow“ eines Taxis, das immer dieselbe Frau auf dem Beifahrersitz zeigt in schöner Kulisse. Wie Kessels herausfand, handelte es sich um eine Rollstuhlfahrerin, dessen Taxifahrer sie im Taxi vor ihren Urlaubskulissen fotografiert hatte.

Wie zuvor erwähnt, bringt Kessels allerdings auch seine privaten unvollkommenen oder unvollendeten Werke mit in die Ausstellung ein. Eines der beiden Herzstücke ist der unvollendet restaurierte und zusammengebaute Fiat in Kombination mit Fotografien. Sein Vater hatte im Laufe seines Lebens bereits vier Autos restauriert. Während seiner Arbeit am Fünften allerdings erlitt er einen Schlaganfall und musste ihn unvollendet lassen. In einem Video sind Kessels und seine jüngere Schwester (zu dem Zeitpunkt 11 und 9 Jahre alt) beim Tischtennisspiel zu sehen. Am Ende wird dem Besucher klar, dass diese Aufnahmen nur kurz vor dem Tod der Schwester durch einen Verkehrsunfall entstanden waren.

Das andere Herzstück der Ausstellung befindet sich im gegenüberliegenden Flügel. Groß und bunt breitet sich dort ein Fotohügel aus. Entstanden ist dieser, indem Kessels 24 Stunden lang alle Fotos auf Flickr herunterlud und ausdruckte. Auf den Fotos laufen, diese in die Hand nehmen und durchschauen ist erlaubt und sogar gewollt. Es gibt einige dieser Exponate, die der Besucher anfassen darf, kann, soll. Und auch durch Sounds in den Räumen soll die Ausstellung „fühlbar“ gemacht werden.

Da Erik Kessels gerne mit anderen kreativen Leuten zusammenarbeitet, hat er dies auch bei seiner Retrospektive im NRW-Forum weitergeführt. Unterstützung holte er sich bei seinen fünf Freunden Paul Kooiker, Joan Fontcuberta, Peter Piller, Joachim Schmid und Ruth van Beek. Die Künstler haben eigene Arbeiten in die Überblicksaustellung einfließen lassen und sind Teil des perfekten Unperfekten.

Macht euch am besten selbst ein Bild davon. Viel Spaß beim Besuch!

Ausstellungsansicht Erik Kessels & Friends; Erik Kessels: Unfinished Father © Erik Kessels; Foto: bjop

Erik Kessels & Friends © NRW-Forum Düsseldorf ; Foto: bjop

Einige der 15.000 Fotoalben, die Kessels besitzt: Erik Kessels & Friends © NRW-Forum Düsseldorf ; Foto: bjop

Bilder vor dem NRW-Forum: Erik Kessels: Mother Nature; Foto: bjop


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