Simon Denny. Mine

05.09.2020 - 17.01.2021

„[Der Überwachungskapitalismus ist] eine neue Wirtschaftsordnung, die die menschliche Erfahrung als freies Rohmaterial für versteckte kommerzielle Praktiken der Gewinnung, der Vorhersage und des Verkaufs beansprucht. […] Anstatt die natürliche Landschaft abzubauen, gewinnen die Überwachungskapitalisten ihr Rohmaterial aus der menschlichen Erfahrung.”

Shoshana Zuboff – Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus 2018

In seinen kontext- und recherchebasierten Arbeiten untersucht Simon Denny, wie tiefgreifend sich unser Wahrnehmen und Erfahren von Kultur durch die Umgestaltung von Technologie und Politik verändert. Er nimmt Organisationsstrukturen, Rhetorik und die visuelle Sprache der Tech-Unternehmen ebenso unter die Lupe wie die dahinterstehenden Personen. Dank dieses andauernden Interesses wird nachvollziehbar, wie sich die Stimmung gegenüber der Tech-Welt in den letzten Jahren veränderte.

In der Bel Etage von K21 präsentiert der Künstler eine Gruppe von neuen, in Europa bislang nicht gezeigten Arbeiten, die er für das MONA (Museum of Old and New Art) in Hobart, Tasmanien entwickelt hatte. In den Fokus rücken Modellen der Rohstoffförderung, die sowohl Mineralien aus der Erde abbauen als auch Daten, die aus unserer Arbeit an Verbraucheranwendungen und Werkzeugen im Internet extrapoliert werden. Die australische Bergbauindustrie dient hier als Musterbeispiel: als eine der wichtigsten Branchen der Wirtschaft des Kontinents verursacht sie zugleich gravierende ökologische und soziale Probleme. Simon Denny nimmt sie zum Ausgangspunkt, um die Zusammenhänge zwischen dem Abbau von Rohstoffen, der Datengewinnung und -verarbeitung sowie dem Klimawandel offenzulegen – Themen, die weltweit eine brisante Aktualität haben. Seine Skulpturen, Wandarbeiten und umfassenden Installationen zeigen die Konsequenzen der Entwicklung der Datenökonomie auf und enthüllen die bedenkenlose Extraktion als eines der herrschenden Prinzipien im Umgang des Menschen mit seiner Umgebung.

Weitreichende Verflechtungen zwischen Mineralien, Arbeit und Data werden von Simon Denny nicht nur sichtbar, sondern auch erlebbar gemacht. Im Zentrum der Ausstellung steht eine käfigartige Struktur, die auf einem umstrittenen, 2016 eingetragenen Patent von Amazon basiert: Zum Schutz für Arbeiter, die in Bereiche eintreten, in denen durch Algorithmen gesteuerte Roboter tätig sind, wurde ein schmaler Käfig mit einem Roboterarm entwickelt. In Dennys Amazon Worker Cage (2019) erscheint ein Avatar eines vom Aussterben bedrohten Vogels in einem Augmented-Reality-Kunstwerk ähnlich Pokémon Go. Er ruft die Erinnerung an die in Mienen eingesetzten Kanarienvögel wach, die die Arbeiter vor der steigenden Konzentration giftiger Gase warnten: Starb das empfindliche Tier, musste sich der Mensch unverzüglich in Sicherheit bringen. Der unauffällige Vogel im Amazon-Käfig wird zum Warnzeichen vor noch größeren und ungewissen Gefahren, die der Zugriff des Menschen auf die Umwelt hervorruft.

Der „Themenpark für Extraktion“ setzt sich fort, da Denny durch die gesamte Ausstellung hindurch auf die Präsentationsformen kommerzieller Messen zurückgreift. Den Raum füllen großformatige Skulpturen aus bedruckter Pappe, Repliken von Maschinen für die zeitgenössische Bergbauindustrie. Deren Leistung wird in Videos präsentiert, die zeigen, wie Vorgänge der Extraktion auch in die heutige Arbeitswelt vordringen, die zunehmend auf Überwachung und Auswertung von Daten basiert. Darüber hinaus hat er eine Serie von Zeichnungen entwickelt, die zusammen mit der australischen Gerichtszeichnerin Sharon Gordon angefertigt wurden und auf spekulativen Gerichtsverhandlungen mit den Führungskräften hinter den Bergbauunternehmen basieren, die die in der Ausstellung gezeigten automatisierten Bergbaugeräte herstellen und verwenden.

Als weitere Verbindung zwischen den extraktiven Praktiken des Bergbaus und der zunehmenden Ausweitung (und Extraktion) der Quantifizierung unserer Online-Aktivitäten hat Denny zusammen mit dem Künstler Jan Berger die gesamte Ausstellung im K21 in die Gaming-Plattform Minecraft übertragen. In dieser virtuellen Übertragung des Ausstellungserlebnisses ist die Minecraft-Version so konstruiert, als ob die Ausstellungsräume unterhalb des Industriekomplexes der Zeche Zollverein existieren würde – während seiner aktiven Zeit das größte Kohlebergwerk der Welt.

Die Ausstellung begleitet ein Katalog – ein struktureller Bestandteil der skulpturalen Elementen der Ausstellung –, der gleichzeitig Brettspiel ist: Extractor basiert auf dem australischen Spiel Squatter, dieses wiederum auf Monopoly. Beim Aufbau einer eigenen, zentralisierten Datenplattform offenbaren sich den Spielerinnen und Spielern die Mechanismen, die dem digitalen Kapitalismus zugrunde liegen.

Simon Denny, 1982 in Auckland, Neuseeland geboren, studierte an der Elam School of Fine Arts, University of Auckland (2001–05) sowie an der Städelschule in Frankfurt/Main (2007–09). Seine Arbeiten wurden in internationalen Ausstellungen präsentiert, u.a. im MoMA PS1, New York (2015) und auf der 56. Biennale in Venedig. Der Künstler ist Professor für Zeitbezogene Medien an der HFBK Hamburg. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Das Begleitprogramm zur Ausstellung ist abhängig von den aktuellen Corona-Gegebenheiten und wird deshalb stetig neu entwickelt und aktualisiert.


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