museum global Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne

10.11.2018 - 10.03.2019

[Detailansicht. Für die komplette Ansicht Bild anklicken] Lasar Segall, Encontro, ca. 1924, Acervo Museu Lasar Segall – IBRAM/MinC, © Museu Lasar Segall

Einen neuen Blick auf die Moderne wirft vom kommenden Herbst an die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Die international bedeutende, aber ausschließlich westlich orientierte Sammlung der NRW-Landesgalerie tritt in den Dialog mit Kunstwerken aus den Ländern Süd- und Mittelamerikas, Asiens und Afrikas. Eine insgesamt dreijährige Forschungsarbeit des Museums mündet in die Ausstellung museum global, die vom 10. November 2018 bis 10. März 2019 zu sehen ist. Die Präsentation eröffnet einen globalen Blick auf Kunst von 1910 bis 1960 und erzählt Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne, so der Untertitel der Ausstellung.

Das Projekt wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert; zwei wissenschaftliche Tagungen in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen haben kritisch den bislang eurozentrischen Blick der Museen hinterfragt und mit Beiträgen von Kunstexperten aus vielen Ländern für eine andere Perspektive auf die Kunstgeschichte sensibilisiert. “Vor dem Hintergrund unserer expliziten Fokussierung auf die westliche Kunstgeschichte erkennt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die Notwendigkeit, ihre Sammlungsgeschichte neu zu beleuchten und auf eine globale Perspektive hin zu befragen”, erläutert Kunstsammlungs-Direktorin Susanne Gaensheimer das auf Initiative der Kulturstiftung des Bundes entstandene Vorhaben.

In den Räumen der Sammlung, in denen sonst Kunst aus Europa und den USA zu sehen ist, werden für mehrere Monate Werke des Modernismo aus Brasilien oder der Zaria Art Society aus dem westafrikanischen Nigeria präsentiert. Beispielhaft erzählt wird damit von Künstlerinnen, von Künstlern und Künstlergruppen, die in Deutschland bislang wenig Beachtung gefunden haben. Ausgewählte historische Ereignisse wie die Veröffentlichung eines Manifests oder wegweisende Ausstellungen sind Ausgangspunkte für die neun Mikrogeschichten der Ausstellung. Sie werfen jeweils ein Schlaglicht auf einzelne, aus heutiger Perspektive zentrale Umbruchsituationen in verschiedenen Teilen der Welt, die eine transkulturelle Moderne in unterschiedlichen Konzepten hervorgebracht haben. Bis heute aktuelle Fragen, die eng verknüpft sind mit einem postkolonialen Blick, werden deutlich: Wie entstehen nationale und kulturelle Identitäten, wie verläuft die Festschreibung einzelner Bevölkerungsgruppen? Wie spiegeln sich Flucht und Exil in den Werken einzelner Künstler oder welchen kulturpolitischen Einfluss nehmen die Künstler?

Der Ausstellungsrundgang durch die nicht-westliche Kunstgeschichte beginnt in Tokio um 1910 mit Gemälden von Yorozu Tetsugoro. In den weiteren Mikrogeschichten, die sich chronologisch fortsetzen, sind Werke von Anita Malfatti und Tarsila do Amaral (Brasilien), Diego Rivera (Mexiko), Lasar Segall (Deutschland / Brasilien), Saloua Raouda Choucair (Libanon) oder Uche Okeke (Nigeria) zu sehen. Immer wieder werden ihnen Werke aus der NRW-Sammlung von Ernst Ludwig Kirchner, Pablo Picasso, Fernand Léger oder Maria Helena Vieira da Silva unter unterschiedlichen Themen und Fragestellungen zur Seite gestellt.

Seit den späten 1990er Jahren wächst das Interesse an einer globalgeschichtlichen Einordnung der Klassischen Moderne, die die avantgardistischen Kunstrichtungen mit den Zentren in Paris, Berlin und später New York meint. Jenseits der Grenzen Europas und Nordamerikas entwickelten sich im 20. Jahrhundert eigenständige künstlerische Positionen in Auseinandersetzung mit und bewusster Abgrenzung von dieser westlichen Moderne, so dass nicht von einem Zentrum und seinen Peripherien zu sprechen ist, sondern von einer multi-zentrischen oder einer ex-zentrischen Moderne. Vielfältiger künstlerischer Austausch − Reisebegegnungen, Korrespondenzen, Publikationen und Ausstellungsbeteiligungen − trägt zur Entwicklung von Avantgarden rund um den Globus bei.

Die Entstehungsgeschichte der vor gut 50 Jahren gegründeten Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit ihrer bisherigen Festlegung auf die europäische und nordamerikanische Moderne ist Thema des letzten Ausstellungskapitels: Selbstkritisch wird die Fokussierung auf den westlichen Kanon befragt.

Für diese Öffnung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen steht ein eigens zu museum global eingerichtetes Forum: Als Ort des Austausches und des Kontaktes für alle, als Bühne und Bibliothek wird ein bisheriger großer Ausstellungssaal einen direkten Eingang vom Stadtzentrum aus haben. Ein Programm mit internationalen Künstlerfilmen ergänzt die Mikrogeschichten mit ihren unterschiedlichen Themen aus zeitgenössischer Perspektive.


Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 Grabbeplatz
Grabbeplatz 5
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