NRW-Forum: „gute aussichten – Junge Deutsche Fotografie 2017/2018“, „gute aussichten Grant“, „Klaus-Peter Dienst – Kalligrammatische Typografie und poetische Textbilder“; „Deuscthland“

24. November 2017

DEUSCTHLAND / © btf / Philipp Käßbohrer

Der Eingang zum NRW-Forum ist blockiert. Zäune verhindern den regulären Eintritt über die Fronttreppe. Zwei Pavillons weisen auf den neuen Eingangsbereich hin. In diesen Pavillons: Security-Personal. Meine Tasche wird durchsucht, ich werde abgetastet. Eine der vier Ausstellungen, die im Forum eröffnen, ist nicht wie jede andere hier: „Deuscthland“. Schon im Vorfeld wurde viel gemunkelt aber nichts offenbart – weder vom NRW-Forum selbst, noch von Jan Böhmermann, der seine erste Ausstellung zusammen mit der BildundTonfabrik präsentiert.

Auch im Vorraum des Museums gibt es noch keinen Aha-Effekt, die Türen zum „Böhmermann-Flügel“ (natürlich auf der rechten Seite des Gebäudes) sind auch jetzt noch verschlossen. Die Spannung soll aufrecht erhalten bleiben bis zur letzten Minute. Es ist eben der Böhmermann, gegenwärtig eine der präsentesten Figuren im deutschen Fernsehen – geliebt, gehasst, witzig, unbequem, politisch, übertrieben und direkt dorthin, wo es wehtut. Was also wird er den Zuschauern im NRW-Forum bieten? Macht er jetzt in Kunst oder doch nur einen großen Witz?

Beurteilen sollten das die Zuschauer selbst. Wer sich mit der TV-Figur Böhmermann beschäftigt hat und regelmäßig das „Neo Magazin Royale“ schaut, für den wird der Besuch der Ausstellung ein paar „alte Bekannte“ parat haben. Zuerst jedoch muss man sich einer Passkontrolle unterziehen. Sind sie deutsch oder sind sie Ausländer? Bereits an dieser Passkontrolle wird böhmermännisch überspitzt selektiert. Nachdem jeder Besucher sein Handy und/oder seine Kamera abgeben muss und dafür ein Nummernplättchen erhält – ja, es ist wirklich so, ganz NRW-Forum-untypisch darf in dieser Ausstellung nicht fotografiert werden – wird ein pinker oder grüner Sticker ausgehändigt. „Bitte gut sichtbar tragen“ ist die Aufforderung. Und so wird ein jeder in die Halle der Satire entlassen.

Hier bewegt sich der Besucher durch Exponate, wie dem „Wanderoutfit von Angela Merkel“, den Gemälden „Auf Augenhöhe“, „Freundschaft“ und „Merkel Apotheose“ – natürlich „echt“ von Jan Böhmermann selbst gemalt, zum „Rechtsfreien Raum“ mit der gerichtlichen Auseinandersetzung Böhmermanns und Erdogans zum „Schmähgedicht“ oder auch zu „Neuland“, wo ein Drucker auf Endlospapier Echtzeit-Tweetprotokolle von Politikern erstellt. Wer möchte, kann in einem Automaten auch einen „Hetzkeks“ erstehen. Diese enthalten dann z.B. Zitate von Erika Steinbach und Co.

Aber was wäre eine politische Ausstellung von Jan Böhmermann, wenn nicht auch der Besucher ein Teil von ihr werden sollte? Stimmen sie also ab in den vier bereitgestellten Wahlkabinen zwischen je 2 Antwortmöglichkeiten. Es gibt immer nur eine richtige Antwort und sie entscheiden selbst darüber. Aber überlegen sie sich ihre Antwort gut, sie könnten damit viral gehen. Und auch im Konzept „Reichspark“, das erst kürzlich im TV ausgestrahlt wurde, wird der Besucher ein aktiver Teil der Ausstellung oder zumindest fast aktiv. Hier können sie neben dem begehbaren Originalmessestand der Produktion auch an einem 4D Dark Ride teilnehmen. Hier/Dabei tauchen sie per „Geisterbahnfahrt“ in das Deutschland des Zweiten Weltkriegs ein – möglich mit VR-Brille und Kopfhörer. Mittendrin statt nur dabei scheint die Devise zu sein.

Sarkastisch bekommt der Besucher aufgezeigt, dass und auch teilweise was nicht stimmt in Deutschland (Europa und der Welt) im Jahr 2017. In welche Richtung bewegen wir uns, was geht schief? Wie auch eine Folge des Neo Magazin Royale, lässt uns diese Ausstellung teilweise schmunzeln, den Kopf schütteln aber auch nachdenken über die katastrophalen Umstände unserer direkten Gegenwart. Und wenn nicht das, was sonst sollte Jan Böhmermann zusammen mit der btf mit „Deuscthland“ erreichen wollen.

Jan Böhmermann ist allerdings nicht alleine im Forum. Im gegenüberliegenden Flügel wird dieses Jahr zum zweiten Mal „gute aussichten – Junge Deutsche Fotografie“ präsentiert. Zudem wurde in diesem Jahr auch zum ersten Mal „gute aussichten GRANT“ verliehen und ebenfalls im Forum gezeigt. Die Ausstellung präsentiert die acht diesjährigen Preisträger/innen sowie die Grant-Preisträgerin. Dieser Flügel präsentiert sich offen, bunt, hell und dennoch sieht der Besucher auch hier viele kritische Themen, die gegenwärtig immer mehr im Fokus stehen, wie die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft, Heimatgefühl, Familie oder Klischees von Deutschen und Ausländern. Jedoch muss manchmal genauer hingeschaut werden, welche Geschichte der jeweilige junge Fotograf/die jeweilige junge Fotografin erzählen möchte. Hier einige Beispiele:

Rie Yamada beschäftigt sich in ihren Werken zu „Familie werden“ mit Fotoalben anderer, fremder Familien, die sie zu ihren eigenen Geschichten macht. Indem sie selbst Szenen von Familienfotos nachstellt und alle Rollen selbst übernimmt, wird sie zu diesen Personen. Dabei fällt ihre Liebe zum Detail auf und auch die Arbeit, die damit verbunden ist. Mit allen Vorbereitungen – auch Kleidung schneidert sie selbst nach – wird so für ein einziges Foto gut und gerne schon einmal eine ganze Woche benötigt.

Ricardo Nunes zeigt mit seinen Bildern „Places of Disquiet“ ein Portugal, das wenige direkt als dieses Land identifizieren könnten auf den ausgestellten Fotos. Familiär mit Portugal verbandelt, verbrachte er regelmäßig viel Zeit an Orten, die so gar nicht zum Urlauberbild des sonnigen, am Meer liegenden Traumlandes passen. „Wie kann ich meine Wurzeln in einer Gegend finden, die sich so unheimatlich anfühlt?“ Trist, öde, trostlos zeigt er das Portugal, zu dem er nie ein Heimatgefühl aufbauen konnte.

Alexandra Polina präsentiert in farbenfroher Kulisse zu “Masks, Myths and Subjects” Deutsche, die meist immer noch nicht als Deutsche wahrgenommen werden. Sie zeigt das klischeehafte Denken des äußeren Erscheinungsbildes und wie viele Menschen andere aufgrund ihres Aussehens immer noch in völlig falsche Schubladen stecken. Wie sieht ein typisch Deutscher aus? Alexandra Polina hält dem Besucher den Spiegel vor über ein Thema, das es eigentlich nicht mehr geben dürfte aber dennoch immer noch gibt.

Stephan Bögel arbeitet in seinem Werk “Scenic Utah” ein ebenfalls schmerzhaftes und sehr persönliches Thema auf: den Suizid seines Vaters. Und obwohl es so ein persönliches Thema ist, ist es das doch wieder nicht. Die Zahl von Selbstmordversuchen und Selbstmorden ist hoch und immer mit gewissen Fragen verbunden: Warum? Und: Was hätte ich tun können, um es zu verhindern? Die Bilder zu seiner eigenen Familiengeschichte beantworten diese stechenden Fragen zwar nicht, aber sie durchbrechen das Schweigen zu diesem traumatischen Thema.

Stefanie Schroeder zeigt uns im hinteren Teil des Flügels dann ein 45-minütiges 2-Kanal-Video zum Thema Selbstoptimierung. Im Jahr 2014/ 15 war sie eine der gute aussichten-Preisträgerinnen und wurde nun mit dem ersten gute aussichten GRANT für ihr Ihr Werk „40h, max. 2 Monate“ bedacht.

Last but not least gibt es auch noch eine Ausstellung im ersten Obergeschoss des Museums. Dort begegnet dem Besucher eine ganz andere Welt, nämlich die des Grafikers und experimentellen Kalligrafen Klaus-Peter Dienst. Der Fachbereich Design der Hochschule Düsseldorf hat sich das Lebenswerk von Dienst vorgenommen, recherchiert über die Werke des Kreateurs von poetischen Textbildern. „KP Dienst war ein Verschollener“ liest man über den 1982 verstorbenen Kreativen. Nach seiner kalligrammatischen Hochphase in den 1960ern verschwand er mehr oder minder komplett von der Bildfläche, arbeitete als Lehrer. Werke dieser Schaffensperiode sind nun in neuer Form im NRW-Forum zu sehen. Darunter befinden sich z.B. seine Bearbeitung von „Carmina Burana“ oder das „Dictionnaire Grapho-Grammatico“. Die Ausstellung bietet zudem auch Einblicke in die experimentelle Literaturzeitschrift „RHINOZeros“, die KP Dienst von 1960-65 zusammen mit seinem Bruder von Hand gestaltete und herausbrachte. Darin erschienen viele Erstveröffentlichungen von namhaften (oder teilweise damals auch noch nicht namhaften) Autoren, wie Samuel Beckett, Allen Ginsberg oder William S. Burroughs.

Es gibt viel zu entdecken in den Ausstellungen, die bis Februar im NRW-Forum zu sehen sind. Viel Spaß beim Besuch!

Passkontrolle vor der Ausstellung “Deuscthland von Jan Böhmermann und der btf”

5 der 8 Preisträger von “gute aussichten 2017/18”: v.l.n.r. Alba Frenzel “Fotopapier, Licht, Ei”, Alexandra Polina “Masks, Myths and Subjects”, Ricardo Nunes “Places of Disquiet”, Janosch Boerckel “Nonplusultra” und Laura Giesdorf vor ihrem Video “Full Coverage Makeup Tutorial – Concealing Myself with Flawless Monotony”

Rie Yamada vor ihren Werken zu “Familie werden”

Ausstellungsansicht Klaus-Peter Dienst

Ausstellungsansicht Klaus-Peter Dienst


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