„Carmen Herrera – Lines of Sight“ in der Kunstsammlung NRW K20

01. Dezember 2017

Carmen Herrera, Red with White Triangle, 1961, Acryl auf Leinwand, 121,9 x 167,6 cm, Privatsammlung, New York, © Carmen Herrera

Was ist das Besondere an der Künstlerin Carmen Herrera? Diese Frage kann auf verschiedenen Ebenen beantwortet werden. Beginnen wir mit ihrem Alter: Sie ist bereits 102 Jahre alt. Aber das alleine macht es noch nicht unbedingt besonders. Sie ist 102 Jahre alt, befindet sich momentan in einer agilen Schaffensphase und denkt anscheinend auch in ihrem hohen Alter nicht ans Aufhören. Mittlerweile wird sie in ihrer Arbeit zwar von einem Assistenten unterstützt, dieser setzt allerdings nur ihre genauen Vorstellungen um. Denn: Carmen Herrera weiß genau, was sie will, wie ihre Bilder auszusehen haben, und hält dies auch in ihren Vorzeichnungen akribisch fest.

Gehen wir einen kleinen Schritt zurück und betrachten zwei weitere beachtliche Zahlen: Erst mit 89 Jahren erlangte sie große internationale Anerkennung, verkaufte von da an stetig ihre Bilder und wurde für ein großes Publikum interessant. Zuvor hatte sie bereits ein hauptsächlich lateinamerikanisches Publikum, aber abseits dieses Kreises wurde sie mehr oder minder international ignoriert.
Die zweite beachtliche Zahl: Seit 60 Jahren lebt und arbeitet sie nun in ein und demselben Apartment in Manhattan, New York. Übersichtlich ist es dort, aber dieses Wohnatelier scheint ihre Kreativität und Produktivität in keiner Weise einzuengen, sondern diese durchaus anzuspornen, soweit das für Carmen Herrera überhaupt nötig sein sollte.

1915 wurde sie auf Kuba geboren, wo sie in Havanna Architektur studierte und ihren späteren Ehemann kennenlernte. Mit dem deutschstämmigen Amerikaner Jesse Loewenthal ging sie 1939 nach New York. Doch hier fand sie nicht den erhofften Austausch mit Gleichgesinnten, konnte nicht Fuß fassen. Das lag zum einen an ihren mangelnden Englischkenntnissen, aber auch an der Tatsache, dass sie eine Frau und darüber hinaus Latina war. In einem New York der 1930er und 40er Jahre kein besonders einfacher Umstand, um sich zu etablieren. Nach einigen fruchtlosen Jahren zog sie mit ihrem Mann nach Paris (französisch hatte sie bei einem längeren Aufenthalt in Paris als junges Mädchen gelernt) und fand in ihren Jahren dort (1948-54) die Kunstklassiker und Gleichgesinnten, die ihr in New York nicht begegneten.

Genau hier beginnt die Ära Carmen Herrera, die uns im K20 erwartet. Der Besucher betritt den Saal, betritt die Welt minimalistischer Farbfeldmalerei im Jahr 1948. In den Pariser Jahren war sie Mitglied der Gruppe Salon des Réalités Nouvelles. Ihre Werke wechselten zu dieser Zeit zwischen abstrakten und lyrischem Expressionismus. Im Jahr 1952 schuf sie dann ihre ersten radikalen geometrischen Abstraktionen. Dieser Wandel wird hinter dem Eingangsbereich der Ausstellung deutlich. Der Besucher erkennt Herreras Wechsel von mehrfarbigen zu nur noch zweifarbigen Bildern, ein Wechsel, den sie bis heute beibehält. In dieser ersten Serie von Bildern dieser Art, den schwarz-weißen Streifenbildern, ging die Künstlerin außerdem dazu über, Klebeband für den Malprozess einzusetzen, um ganz klare Linien zu erhalten, und auch den Rahmen in das direkte Werk einzubinden. Durch diesen Einbezug des Rahmens überwand sie die 2-Dimensionalität in ihren Bildern. Durch das Hinzufügen von Sand in ihre Acrylfarben kreierte sie eine besondere Haptik.

Und das ist die andere Besonderheit der Künstlerin. Der Besucher sollte bei seinem Rundgang immer im Hinterkopf behalten, dass die Werke die letzten 70 Jahre abdecken. Bereits in den 1950er Jahren erschuf Carmen Herrera Werke, die auch heute noch aktuell sind. Sie war ihrer Zeit nicht nur viele Male weit voraus – womit sich zum Teil auch erklären lässt, warum sie erst so spät ihre verdiente Anerkennung erlangte – sie unterlag auch nie einer Mode, einem bestimmten Zeitgeist. Werke, die 50 Jahre oder älter sind, passen in unsere Gegenwart. Sie beeinflusste die Mode zwar mit ihren Strukturen, ließ sich aber umgekehrt nie von irgendeiner Mode leiten in ihrer Kunst. Sie behielt die eigenständige Form der radikal minimalistischen Kunst immer bei und veröffentlicht in derselben Linie auch heute noch Werke.

„Lines of Sight“ ist die bisher größte Ausstellung weltweit mit Werken von Carmen Herrera. Sie ist eine Erweiterung der Ausstellung im Whitney Museum New York 2016/17, mit dem die Kunstsammlung NRW hier kooperiert. Ergänzt werden die Bilder der Künstlerin durch einen 25-minütigen Film über ihr Werk von Ralph Goertz (IKS), der in der Ausstellung zu sehen ist. Außerdem gibt es ein großes Angebot an Führungen und Veranstaltungen für Erwachsene, Kinder und Schulklassen.

Viel Spaß beim Besuch!


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