Kunst als Glaubenssache

08. September, 14.30 – 15.30 / Prof. Dr. Wolfgang Ullrich

Ob und wann etwas als Kunst anerkannt wird, ist im letzten weniger eine Frage des Geschmacks als vielmehr eine Frage des Glaubens. Bekanntlich gibt es nämlich keine objektiven Eigenschaften, die Kunst von anderem unterscheiden lassen. In Analogie zu einer berühmten theologischen Figur ließe sich daher auch von ‘ars abscondita’ – von der verborgenen, nicht verfügbaren – Kunst sprechen.
Und so wie Gläubige es immer wieder als Prüfung ihres Glaubens empfanden, dass sich Gott ihnen nicht zeigt, ja dass er sie sogar im Stich lässt, wenn sie ihn besonders dringend nötig hätten, so wird auch der Glaube des Kunstpublikums in der Moderne fortwährend auf die Probe gestellt. Ausstellungen und Projekte werden zwar als Kunst angekündigt, doch tun sich viele schwer, diese dann auch zu erfahren.
Vielmehr werden sie mit etwas konfrontiert, das ihrem bis dahin verwendeten Begriff von Kunst nicht entspricht. Somit bedarf es häufig einer Haltung des Trotzdem, um an etwas als Kunst glauben zu können. Logisch betrachtet spricht alles dagegen, in einem Staubsauger, einem Schwarm Fliegen oder einem Mammutknochen Kunst zu erblicken, aber wenn das von anerkannten Institutionen und Autoritäten des Kunstbetriebs deklariert wird, dann hat man eben daran zu glauben – oder muss zum Renegaten werden, der diesen gesamten Betrieb zur Scharlatanerie – zu einer großen Lüge – erklärt. Im Angesicht moderner Kunst ist somit nichts angebrachter als ein ‘credo, quia absurdum’: Man erkennt etwas als Kunst an, obwohl man es als solche nicht erkennen kann.

Der Vortrag erörtert, was es bedeutet, daß Kunst eine Glaubenssache ist; er konzentriert sich auf Äußerungen von Glaubenszweiflern, die der Kunst letztlich die Gefolgschaft versagten – oder die infolge ihrer Zweifel im Gegenteil zu Missionaren der Kunstreligion wurden.

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich

Zur Person

Wolfgang Ullrich, geb. 1967, ist Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.
Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, promovierte 1994 mit einer Arbeit über das Spätwerk Martin Heideggers, war dann freiberuflich als Autor, Dozent und Unternehmensberater tätig, hatte zwischen 1997 und 2003 eine Assistentenstelle an der Kunstakademie München inne und war anschließend Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.
Er publiziert über die Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs, zeitgenössische Bildwelten, kunstsoziologische Fragen und Wohlstandsphänomene. Die Titel seiner jüngsten Bücher lauten: Bilder auf Weltreise. Eine Globalisierungskritik, Berlin 2006; Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur?

Frankfurt/Main 2006; Gesucht: Kunst! Phantombild eines Jokers, Berlin 2007; Raffinierte Kunst. Übung vor Reproduktionen, Berlin 2009.

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