Jackson Pollock in der Sixtina

09. September, 16.00 – 17.00 / Prof. Dr. Beat Wyss

Das Sprichwort: „Ogni pittore dipinge sè“ wird zwar Leonardo zugeschrieben, geht aber auf eine Redensart der Florentiner zurück, die mit Handel und Wandel ihrer Künstlerdiven gut vertraut waren. Die Moderne missverstand diesen Satz im Sinne einer Ästhetik des Genies, wonach im Kunstwerk das Leiden des Künstlers an der Welt zu entziffern sei. Hartnäckig hält sich diese romantische Sicht in einer populären Kunstvermittlung, die das Kunstwerk als Produkt kreativer Selbstheilung missversteht.

Die toskanische Redensart kann nur gelten, wenn wir sie nicht psychologisch, sondern systemisch verstehen. Das Kunstwerk ist ein Medium gesellschaftlicher Selbstbeobachtung. Dabei übt der Künstler Regie; über sein Werk gibt er Anweisungen, die Welt zu beobachten über eine ästhetische Behauptung. Deren Gültigkeit wird von Kritik und Publikum ausgehandelt. In diesem Sinne entsteht das Werk in der kommunikativen Auseinandersetzung zwischen Künstler und Beobachter. Es erscheint dann vollendet und gelungen, wenn sich darin die Gesellschaft selber sehen kann. So gesehen erscheint die Geschichte der Kunst als Prozess einer permanenten Umschrift von Tradition, getrieben von der Frage, ob der aktuelle Betrachter sich und seine Interessen angemessen gemalt sieht.

Zur Person

Beat Wyss, Prof.Dr.phil., 1947, geboren in Basel. Lehrstuhl für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Gastprofessuren an der Cornell University, Ithaca, N.Y. und an der Aarhus Universitet, Dänemark. 2001 Träger des Kunstpreises der Stadt Luzern. Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und der Association Internationale des Critiques d´Art (AICA). .Scholar am Getty Center, Santa Monica, CA. Senior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Seit Oktober 2008 Forschungsprofessur am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft (SIK/ISEA).

Ausgewählte Publikationen:

  • – La voluntad de arte, (Der Wille zur Kunst, 1996) Madrid 2010
  • – Nach den Grossen Erzählungen, Frankfurt 2009
  • – Die Wiederkehr des Neuen, Berlin 2007
  • – Vom Bild zum Kunstsystem, zwei Bände, Köln 2006
  • – Hegel’s Art History and the Critique of Modernity, (Trauer der Vollendung, 1985) Cambridge 1999
  • – Die Welt als T-Shirt, Zu Ästhetik und Geschichte der Medien, Köln 1997
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