Aufruf zu Oberflächlichkeit

08. September, 15.30 – 16.30 / Reinhard Brembeck

Avantgardemusik ist die am wenigsten gehörte Kunst: Das etablierte Repertoire klassischer Musik endet mit dem Ersten Weltkrieg. Während aber die Musik vor der Romantik durch die alte Musik-Bewegung zunehmend und auch radikal neu gedeutet in dieses Repertoire eingespeist wurde und wird, ist die Musik nach 1918 vornehmlich Leidenschaft eines recht kleinen elitären Kreises. Diese Musik, von ihren Schöpfern explizit für Alle gedacht, scheint seit dem Ende des 20. Jahrhundert und dem damit eingetretenen Abschied von allen ästhetischen Glaubensrichtungen endgültig zu vereinsamen.

Dabei lässt sich für moderne E-Musik leicht eine lohnende Alternative formulieren: Sie müsste nur vom gängigen Klassikpublikum erlöst werden und in Zirkel Eingang finden, die sich mit Gegenwartskunst auseinandersetzen, mit Literatur, Kino, Malerei, Architektur, Happening, Theater . . . Denn letztlich sind die Rezeptionserfordernisse neuer Musik sehr viel stärker denen der genannten Künste verwandt als denen klassisch-romantischer Musik: Wer Joseph Beuys sinnlich zu verstehen mag, wird auch keine Schwierigkeiten mit John Cage haben, wer Nam June Paik als Bereicherung empfindet, wird auch bei Salvatore Sciarrino, Alberto Posadas, oder Gérard Grisey verwandte Ansätze entdecken können – selbst dann, wenn er sich für „unmusikalisch“ hält. Letztlich bedeutet das, dass sich die Neue Musik-Szene ihr Publikum nicht mehr unter den Klassikhörer suchen müsste, sondern in Publikumsschichten, die sonst ganz dezidiert nichts mit „Klassik“ zu tun haben.

Dass klassische Musik und Avantgarde zwei grundverschieden Angelegenheiten sind, lässt sich sehr gut an einer zentralen Kategorie moderner Musik zeigen, die allerdings fast immer unbeachtet bleibt, vielleicht weil sie in der traditionellen Klassik so gut wie keine Rolle spielt: der Oberfläche. Indem Musik satztechnisch nachvollziehbare Operationen teilweise schon zu Beginn der Romantik aufgegeben hat, etablierte sich Klang zunehmend als Oberflächenobjekt und nähert sich damit der bildenden Kunst an. Das ist überdeutlich bei Ligeti oder Feldman, kann aber schon bei Varèse beobachtet werden. Oberfläche aber behauptet eine Gegenständlichkeit der gern als immateriell gedachten Musik, die damit radikal nicht nur abrückt von den Denkmodellen aller Wiener Schulen zwischen Haydn und Webern, sondern auch eine grundsätzlich neue Aufforderung an den Hörer einbringt: Musik möchte von ihm nicht nur in ihrem Verströmen weggeschlürft werden, sondern – genauso lustvoll – als tatsächlich sichtbares Objekt entschlüsselt und weitergeträumt werden.

Zur Person

Reinhard Brembeck, gelernter Musicologe, arbeitet seit Mitte der 90er
Jahre als Musikkritiker für die Süddeutsche Zeitung in München.

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